"Mobilitätswende“ im ländlichen Raum: Minister Alexander Bonde, MLR, weiht bei Sto weitere Ladesäule im Naturpark Südschwarzwald ein

11.09.2014

Wenn Stuckateur Heiner morgens seinen Kangoo ZE auf der Baustelle in die Ladesäule einsteckt, tut er das mit einem guten Gefühl. Denn er weiß: Alle Dämmstoffe, die heute durch seine Hände gehen, helfen nicht nur beim Heizkosten sparen, sondern gelangen zudem CO2-neutral vom Hersteller bis auf die Baustelle. Der Grund: Die gesamte Lieferkette von Sto ist klimaneutral. Alle Partner fahren mit Elektrofahrzeugen, angetrieben von regenerativ erzeugtem Strom. Was  heute noch wie Zukunftsmusik klingt, könnte bald schon Wirklichkeit werden. Denn das Ministerium Ländlicher Raum und Verbraucherschutz mit Minister Alexander Bonde an der Spitze hat die Mobilität von Unternehmen im ländlichen Raum auf die Tagesordnung gesetzt.

Im Modellprojekt „Naturpark Südschwarzwald - Modellregion für Elektromobilität“ geht es seit Beginn des Jahres um die Frage, wie sich im ländlichen Raum in und um die Unternehmen herum Mobilität klima-, umweltfreundlicher und wirtschaftlicher gestalten lässt. Eine Handvoll Unternehmer haben dazu gemeinsam mit Experten Engpässe analysiert und Lösungen entwickelt. Erste Ergebnisse des Projekts präsentierte Christian Klaiber, Leiter der Initiative Zukunftsmobilität, am 11. September bei der Firma Sto in Stühlingen, einem am Modellprojekt beteiligten Partner.

Der Weltmarktführer leistet mit seinen Dämmstoffen per se einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Gerd Stotmeister, Vorstand Technik der Sto SE & Co. KGaA, präsentierte in seiner Begrüßung dazu beeindruckende Zahlen: „Durch den Einsatz von Sto-Produkten konnten wir seit 1965 über 55 Milliarden Liter Heizöl einsparen“, so Stotmeister. „Jetzt machen wir den nächsten Schritt und beziehen auch die Mobilität in unser Nachhaltigkeitskonzept ein.“ In Zukunft sollen Mitarbeiter und Besucher nach Stühlingen elektrisch anreisen können. Für einen vollen Akku bei der Abreise sorgt die neue Ladesäule auf dem Mitarbeiterparkplatz der Firma, die Minister Alexander Bonde bei seinem Besuch persönlich einweihte. Die Ladesäule bei Sto ist eine von mehr als 20 Ladestationen für Elektroautos, die seit Ende 2013 im Naturpark Südschwarzwald installiert wurden.

„Baden-Württemberg spielt eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung neuer, umwelt- und klimafreundlicher Mobilität“, betonte der Minister beim Besuch. „Die Elektromobilität mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen bietet die Chance, die klimaschädlichen Emissionen des Straßenverkehrs deutlich zu reduzieren. Das ist auch für den ländlichen Raum und insbesondere für die Unternehmen hier ein wichtiges Zukunftsthema.“ Bei Sto will man mit der Initiative Mitarbeiter besser ans Unternehmen binden und den Standort im ländlichen Raum sichern. Die Standortfrage des Arbeitsplatzes ist vor allem für neue Mitarbeiter ein ganz ausschlaggebendes Kriterium. "Dabei spielen neben Versorgungs- und kulturellen Einrichtungen Mobilitätsfragen eine immer wichtigere Rolle, so dass bei der Wahl des Arbeitgebers auch auf Nachhaltigkeit und alternative Mobilitätsangebote geschaut wird", so Dr. Eike Messow, Leiter Nachhaltigkeit bei Sto. "Mit unserem Engagement in Sachen Elektromobilität setzen wir hier ein Signal.“

Um Nachwuchs für die Unternehmen geht es auch Prof. Ulrich Kotthaus von der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen, einem weiteren am Modellprojekt beteiligten Partner. „Die meisten Studenten der Dualen Hochschule“, so Kotthaus, „fahren täglich viele Kilometer zwischen Arbeitgeber, Hochschule und dem eigenen Wohnort. Wenn es uns gelingt, zusammen mit den Unternehmen ein intelligentes Mobilitätskonzept zu entwickeln, mit dem diese Fahrten nachhaltiger und billiger werden, ist das nicht nur für die Unternehmen ein Imagegewinn, sondern sichert auch den Hochschulstandort Villingen-Schwenningen.“ Angedacht sei ein E-Carsharing-Angebot für die Studenten mit einer Art Flatrate fürs Zusammenfahren. Kotthaus: „Unser Ziel ist es, dass Studenten so viele Wege wie möglich gemeinsam fahren. Dazu müssen wir auch finanzielle Anreize setzen.“

Die Situation der Hochschulstudenten seien eins von vier typischen Szenarien, die man in den Workshops identifiziert habe, so Projektleiter Klaiber. Ein weiteres beziehe sich auf  die Mobilität im den Unternehmen selbst. Klaiber: „Viele Unternehmen im ländlichen Raum wachsen an ihrem Standort in die Fläche. Für die Mitarbeiter bedeutete das, dass sie oft mehrmals täglich weite Wege zu Fuß zurücklegen müssen.“ Für ein Unternehmen kann das teuer werden. Wo regelmäßig lange Wege zur Kantine oder zu anderen Betriebseinheiten zurückgelegt werden müssen, beeinflussen diese Ausfallzeiten das Betriebsergebnis negativ. Elektrisch betriebene E-Autos, E-Bikes und E-Busse können helfen.

Schon schwerer zu lösen sei ein weiterer, typischer Mobilitätsengpass von Unternehmen im ländlichen Raum, der ebenfalls eine Folge des Unternehmenswachstums sei. Mobilitätsexperte Klaiber: „Nicht wenige Unternehmen in der Region sind durch den Zukauf von Partnern, Konkurrenten oder Zulieferbetrieben gewachsen. Zwar liegen die Standorte in diesen Unternehmensnetzwerken oft nur 30 oder 40 Kilometer auseinander. Für immer mehr Mitarbeiter, darunter vor allem Ingenieure oder leitende Fachkräfte, wird das Pendeln zur Belastung. Wenn durch Meetings, Kundenbesuche oder Qualitätsprüfungen diese Wanderungsbewegungen mitunter mehrmals täglich nötig werden, frisst das Zeit und Nerven. Daneben haben die Fahrten mit den Verbrennungsfahrzeugen verheerende Folgen für die CO2-Bilanz der Unternehmen. Die Lösung liegt nach Klaiber in der „Optimierung des Pendelverkehrs durch die Organisation gemeinsamer Fahrten sowie eine Umstellung der betrieblichen Flotte auf die passenden Elektrofahrzeuge – und zwar sowohl für lange wie auch für kurze Strecken.“

Um die Frage, wie sich die täglichen Strecken klimaschonender gestalten lassen, geht es auch beim vierten typischen Szenario im ländlichen Arbeitskontext. Die Situation: Viele hoch innovative Unternehmen liegen in kleineren Dörfern und Städten, vielfach ohne jede ÖPNV-Anbindung. Für Mitarbeiter und Auszubildende, die nicht im Ort leben möchten, sind diese Arbeitgeber nur schwer erreichbar. Die Folge: Immer mehr Azubis und Fachkräfte entscheiden sich für einen Betrieb in einer Stadt oder einem Ballungsgebiet. So spitzt sich der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel in ländlichen Regionen abermals zu. „Auch hier kann Elektromobilität einen Beitrag leisten“, so Klaiber. „Zum Beispiel durch den Einsatz elektrifizierter Kleinbusse, die morgens und abends die Mitarbeiter befördern und im Rahmen eines Sharing-Konzepts in den Zwischenzeiten von anderen Akteuren genutzt werden.“

Spannendstes Fazit aus dem Modellprojekt, bilanziert Klaiber, sei die Erkenntnis, dass Mobilität für Unternehmen im ländlichen Raum ein echter Wertschöpfungsfaktor sei. „Leider wird das von den Unternehmen noch gar nicht wahrgekommen. Nachhaltige Mobilität wir immer noch bestenfalls als Imagefaktor gesehen. Dass gute Konzepte und ein wenig Engagement das Betriebsergebnis schnell positiv beeinflussen können, ist vielen Unternehmern erst im Gespräch deutlich geworden.“ Ob die Ideen aus den Workshops indes umgesetzt werden, hängt vor allem davon ab, wie sich die Workshop-Erkenntnisse im Alltag umsetzen lassen. Und nicht zuletzt davon, ob sie von den Mitarbeitern angenommen werden. Finanzielle Anreize für die Pilotunternehmen könnten helfen, herausragende Maßnahmen schneller zu entwickeln, zu testen und weiter zu verbreiten. Auf der Agenda des Ministeriums zumindest bleibt das Thema nachhaltige Mobilität im ländlichen Raum fester Bestandteil. Anfang Oktober zieht Minister Alexander Bonde eine erste Zwischenbilanz des landesweiten Ideenwettbewerbs Elektromobilität im ländlichen Raum. Ende 2012 hatte das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg die Kommunen im Land aufgefordert, Ideen für zukunftsweisende Modellprojekte zu entwickeln. Für die 20 Siegerkommunen ist jetzt Halbzeit.

 

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